Beginn der charismatischen Bewegung

Nicht aus Freude am Kritisieren sondern aus tiefer Sorge um die zu beobachtende rasante Entwicklung in Richtung spiritueller Umfassung der Gemeinden, m√∂chte ich hier auf eine j√ľngste Ver√∂ffentlichung von Arnold Bittlinger hinweisen.

Arnold Bittlinger kann man als den Vater der charismatischen Bewegung auf deutschem Boden bezeichnen. Er war es, der Larry Chri¬≠stenson in die Bundesrepublik eingeladen hat und man nennt die 1963 stattgefundene Enkenbacher Tagung den Anfang der Charismatischen Bewegung. In Sachen Ausbreitung und Verbreitung dieser Str√∂mung nimmt Arnold Bittlinger zweifellos eine Schl√ľsselrolle ein.

Sein Einflu√ü ist dementsprechend. Kein geringerer als Wolfram Kopfermann schreibt zu Bittlingers Ver√∂ffentlichungen: ¬ĄEin eige¬≠nes Schrifttum der evangelischen Gemeinde-Erneuerung ist noch im Entstehen begriffen. Hinzuweisen ist bisher auf einige Ver√∂ffent¬≠lichungen von Arnold Bittlinger, vor allem zum Gesamtgebiet der Charismen, speziell auch zum Thema Sprachengebet, die als Stan¬≠dardwerke gelten. √úberhaupt kommt Bittlinger das Verdienst zu, schon in den sechziger Jahren die Anliegen der charismatischen Bewegung theologisch so reflektiert und dargelegt zu haben, da√ü sie von vielen sonst kritischen deutschen Zuh√∂rern bzw. Lesern aufgenommen werden konnten.¬ď1

So erkl√§rt Arnold Bittlinger beispielsweise: ¬ĄGlossolalie ist sehr h√§ufig das Ph√§nomen, durch das Menschen Zugang zur Dimension des Charismatischen finden... Im Privatgebet spielt die Glossola¬≠lie innerhalb der Charismatischen Bewegung eine bedeutende Rolle. Millionen von Christen, darunter viele Pfarrer, Priester und Bisch√∂fe, haben durch die Glossolalie Zugang zu einem verinnerlich¬≠ten Beten gefunden - ohne da√ü sie diese Gabe in einem √∂ffentli¬≠chen Gottesdienst praktizieren. Man kann deshalb zweitens sagen: 'Ohne Glossolalie g√§be es keine Charismatische Erneuerung¬ď2

Nun aber m√∂chte ich auf die oben angedeutete j√ľngste Ver√∂ffentlichung eingehen. Arnold Bittlinger, Vater des bekannten Liedermachers Clemens Bittlinger, befa√üt sich mit dem Thema Integration anderer religi√∂ser Traditionen in die Christenheit des Westens. Der Originalartikel ist in Englisch geschrieben und tr√§gt die √úberschrift Integrating Other Religious Traditions into Western Christianity.

Aus dieser relativ kurzen Abhandlung, die in dem Buch Spirituality in Interfaith Dialogue3  erschienen ist, sollen hier nun einige besonders aufschlußreiche Passagen zitiert werden:

¬ĄIn Verbindung mit meiner Forschung im Bereich der Charismatischen Erneuerung, der √∂kumenischen Spiritualit√§t und der Tiefenpsychologie, bin ich allm√§hlich in Verbindung mit nicht-christlichen geistlichen Erfahrungen und Praktiken gekommen.

Seit 1962 habe ich Forschungen √ľber die Charismatische Erneuerung angestellt. Ich war ein Mitglied des inneren Teams im Dialog zwischen der r√∂misch katholischen Kirche und der pfingstlich/charismatischen Erneuerungsbewegung. Ich war auch als Berater f√ľr die charismatische Erneuerung beim Weltkirchenrat t√§tig.

Im Zuge meiner Nachforschungen begann ich mich f√ľr die afrikanischen unabh√§ngigen Kirchen zu interessieren, wo ich eine harmonische Vermischung von traditionellen afrikanischen und christlichen Elementen vorfand. Als ich entdeckte, da√ü viele charismatische Elemente dieser Kirchen ihre Wurzel in vorchristlichen Traditionen hatten, begann ich auch nach charismatischen Elementen in anderen Religionen Ausschau zu halten. Ich entdeckte, da√ü vor allem die Charismata der "Heilung" und der "Prophezeiung" in solchen Religionen manchmal √ľberzeugender waren als in der charismatischen Erneuerungsbewegung - wenigstens soweit sie von der nord¬≠amerikanischen Art des Christentums beeinflu√üt ist. Im Schamanismus fand ich faszinierende Parallelen zu dem Dienst Jesu, den ich immer mehr als einen Archetypus des Schamanen erkannte. Bez√ľglich "Heilung" war ich besonders beeindruckt durch den ganzheitlichen Zugang zur Heilung, den ich unter den Indianern fand. Das hat mich motiviert, solch einen Zugang auch f√ľr unsere christlichen Heilungsdienste zu erm√∂glichen.

Bez√ľglich ¬āProphetie¬í bin ich beeindruckt von Erfahrungen im Hinduismus. Einige unserer europ√§ischen ¬āPropheten¬í entdeckten und entfalteten ihre prophetische Gabe unter dem Einflu√ü von indi¬≠schen Gurus. Auch andere charismatische Erfahrungen haben ihre manchmal eindr√ľcklichen Entsprechungen in anderen religi√∂sen Traditionen (z.B. ¬āBeten im Geist¬í im Japa Yoga). Ich bin davon √ľberzeugt, da√ü die charismatische Erneuerungsbewegung noch bedeu¬≠tender wird - besonders f√ľr die Mission der Kirche - wenn sie auch die charismatischen Gaben von anderen Religionen ernst nimmt.

Seit 1966 habe ich in der Arbeit einer √∂kumenischen Akademie mitgewirkt, die auch mit einer √∂kumenischen Kommunit√§t verbunden ist. Ein Hauptanliegen dieser Arbeit besteht darin, eine √∂kumeni¬≠sche Spiritualit√§t zu entwickeln. Aber wir waren auch an der Spiritualit√§t anderer Religionen interessiert. So hatten wir beispielsweise eine Konferenz zu dem Thema der Bedeutung von Abraham als eine Wurzel des Glaubens im Judaismus, Christentum und Islam und auch eine Konferenz √ľber afrikanische, indische und j√ľdische Spiritualit√§t mit Referenten dieser Traditionen. Wir hatten auch Konferenzen √ľber das chinesische I Ging und das Tibetanische Bardo G√∂dol (Tibetanische Totenbuch, Anm.). Aber unser Hauptan¬≠liegen ist, zu unserer eigenen keltischen und alemannischen Tra¬≠ditionen zur√ľckzugehen und sie wiederum zu beleben, um sie in unseren christlichen Glauben integrieren zu k√∂nnen.¬ď4

Soweit Arnold Bittlinger. Im weiteren Verlauf des Artikels be­schäftigt sich der Autor mit der esoterischen Vorstellung eines "Kosmischen Christus", den er mit den vorchristlichen Wurzeln unserer religiösen Erfahrung verbindet.5 Hinter der Vorstellung eines "Kosmischen Christus" steht die Überzeugung von der Innewohnung des universalen Geistes in allen Menschen. Diese Auffassung, die nichts mit der biblischen Christologie zu tun hat, wurde durch die New-Age-Bewegung in ihren Details entfaltet.6

Soweit zu diesem Artikel. Nun werden sich zweifellos die meisten Charismatiker von solchen Aussagen distanzieren. Dennoch ist die Entwicklung Bittlingers fast ein Paradebeispiel f√ľr eine¬† allm√§h¬≠liche √Ėffnung zu immer bibelfremderen Quellen. Erst sind die charismatischen Erfahrungen im evangelikal-protestantischen Lager scheinbar bibeltreu verpackt. Dann entdeckt man auf einmal berei¬≠chernde spirituelle Elemente in der katholischen Kirche, danach in der Liturgie der orthodoxen Kirche und letztlich findet man √§hnliche oder identische "Spiritualit√§t" in anderen Religionen und heidnischen Kulten √ľber die gemeinsame religi√∂se Erfahrung. √úber charismatische Aufbr√ľche geht es in den √∂kumenischen Dialog, zur√ľck zur katholischen Kirche und danach ins reine Heidentum.

Arnold Bittlinger ist nicht der einzige, der solche "esoteri¬≠schen" Pfade erklimmt. Eigentlich die meisten Schl√ľsselleute f√ľr die Einf√ľhrung der charismatischen Bewegung und ihre Ausbreitung haben sich in √§hnlicher Weise entfaltet. Wilhard Becker empfahl auch Akupressur und Zen Meditation in seinem gemischten Angebot von Gruppendynamik, Tiefenpsychologie, Traumdeutung im Rahmen seiner Seelsorgeseminare.7 Er war ganz entscheidend f√ľr die Aus¬≠breitung der charismatischen Bewegung innerhalb der Freikirchen und da besonders im Baptismus verantwortlich.

Wie aber ist Larry Christenson, die eigentliche Ursprungsgestalt, zu seinen charismatischen Erfahrungen gekommen? Seine ersten Impulse zum Thema Heilung erfuhr er durch Agnes Sanfords Buch ¬ĄThe Healing Light¬ď (Heilendes Licht). Man kann diese Frau als die Schl√ľsselgestalt der modernen Heilungsbewegung bezeichnen. In diesem ihrem Bestseller ¬ĄHeilendes Licht¬ď schreibt sie ganz offen, wie die Geister der Verstorbenen durch sie wirken, man dadurch auch besondere Kr√§fte zur Heilung Kranker empfangen k√∂nne (Heilendes Licht, Oekumenischer Verlag Edel, S. 150-151). Auch erkl√§rte sie unumwunden, wie sie beim Zungenreden mit dem Bewu√ütsein von Menschen Verbindung hat, die schon gestorben sind, aber auch mit Menschen, die derzeit leben und selbst mit Personen, die angeblich noch geboren werden sollen (The Healing Gifts of the Spirit, Revell, S. 152)

Doch seine Erfahrung mit der Geistestaufe und dem Erlebnis des Zungenredens machte Larry Christenson 1961 in einer Gemeinde der extremen Pfingstrichtung der ¬ĄFour Square Gospel¬ď (Dictionary of the Pentecostal and Charismatic Movement, S.163). Die Gr√ľnderin dieser Str√∂mung, Aimee Semple McPherson, war mehrmals verheiratet (auch die dritte Ehe wurde bald geschieden), mehrmals in der Psychiatrie, ¬ĄJa, Aimee beschrieb selbst ihre Liebesaff√§ren und ihre g√∂ttlichen F√ľhrungen in einer Artikelserie, die sie in einer auflagestarken Tageszeitung ver√∂ffentlichte¬ď (Hutten Seher Gr√ľbler¬† Enthusiasten, Quell Verlag Stuttgart, 1982, S. 307).¬†

Vor einiger Zeit hat McConnell, Absolvent der Oral Roberts Universit√§t und Bef√ľrworter der charismatischen Bewegung, darauf hingewiesen, da√ü sich keine Be¬≠wegung so vielen Irrlehren ge√∂ffnet hat, wie gerade die Charismatische. In seinem Buch ¬ĄEin anderes Evangelium?" schreibt er: ,,Von ihren Anf√§ngen bis in die Ge¬≠genwart hat die charismatische Bewegung eine fehlerhafte Offenbarungslehre ver¬≠treten ... Solange wir uns nicht ernsthaft dem Prinzip verpflichten, da√ü Lehre und Praxis einer hermeneutisch sauberen Auslegung des Wortes Gottes entstammen mu√ü, wird unsere Bewegung f√ľr eine endlose Serie prophetischer Offenbarer und ihrer bizarren Lehren ein willf√§hriges Opfer sein." D.R. McConell, Ein anderes Evangelium?, Verlag C.M. Fli√ü, S. 236-237.

Walter Hollenweger erkl√§rt ganz frei und offen in ideaSpektrum 49/2004, da√ü in der Dritten Welt ¬ĄKirchen mit¬† Geistheilern zusammenarbeiten. Es sei dort f√ľr Christen selbstverst√§ndlich, ihre vorchristliche Heiltraditionen in ihr Glaubensleben einzubauen.¬ď
Hollenweger kann folglich keinen prinzipiellen Unterschied zwischen den Begabungen der philippinischen Geistheiler und christlichen Charismatikern in ihrem Hei­lungsauftrag sehen.8

Es wird eigentlich hier schwarz auf wei√ü zum Ausdruck gebracht: Die Vermischung von Geistheilern, Heidentum bzw,. Spiritismus mit Christentum ergibt ¬Ącharismatische Ph√§nomene¬ď.

Nun ist Hollenweger keine Randfigur. Sein Buch Enthusiastisches Christentum - Die Pfingstbewegung in Geschichte und Gegenwart, Wuppertal (Brockhaus) 1969, gilt als theologisches Standardwerk, da√ü die Verbindung der Pfingstge¬≠meinden zur offiziellen Theologie erst erm√∂glichte, galten bis dahin doch die Pfingstler als theologische Au√üenseiter. Auf seine Initiative bzw. gedankliche Konzeption hin formierte sich die √Ėkumenische Akademie von Schlo√ü Craheim 1969 zur Zentralisierung der charismatischen Bewegung mit dem Ziel, sie in alle Kreise und Gemeinden hineinzutragen. Dies ist au√üerordentlich effektiv gelungen.

In der Zeitschrift Charisma Nr. 124 wird nun auf drei Seiten Hollenweger vorgestellt und als einer der Gr√ľndergestalten der pfingstlich-charismatischen Str√∂mung gew√ľrdigt. Auch wird von seiner Geistestaufe berichtet (S. 12), doch mit keiner Silbe auf seine schlimmen Irrlehren hingewiesen. So ist er z.B. davon √ľberzeugt, da√ü der Geist Gottes in allen Menschen wohnt. Wenn der Geist Gottes in allen Menschen ist, auch in den Ungetauften, auch in den t√ľrkischen Gastarbeitern, auch in den Atheisten, k√∂nnen wir zur kirchlichen Mitarbeit einladen, wer immer ¬Ąf√ľr das gemeinsame Gute¬ď (1. Kor. 12,7) mit uns zusammenarbeiten will in unseren Kirchen und Gemeinden. Weder Taufe noch theologische √úbereinstimmungen sind Vorbedingungen (Lutherisches Monatsheft, Nr. 8, S. 448).

Die amerikanischen "V√§ter" bzw. Schl√ľsselleute dieser Str√∂mung haben √§hnlich sonderbare Entwicklungen durchgemacht, seien es Dennis Bennett, John Wimber9 und auch Peter Wagner10.

Nun erkennt man bekanntlich an der Frucht den Baum. Sind die aus solchen Quellen entspringenden Strömungen nach einigen Jahren oder Jahrzehnten der Ausbreitung nun besser oder gereinigter, nur weil schon so viele mitmachen?

Selten h√§tte eine Bewegung von den Lehren und ¬ĄFr√ľchten¬ď ihrer Gr√ľndergestalten in Deutschland aber auch in den USA, dem Ursprungsland, so klar als ein Wirken eines fremden Geistes (2. Kor. 11,4) identifiziert werden k√∂nnen, wie gerade die charismatische. Auch haben wir in der deutschsprachigen Welt in den letzten 40 Jahren statt Erweckung (jedenfalls von gro√üfl√§chigeren) einen systematischen Niedergang erlebt. Vor allem auf moralisch-ethischen Gebiet, die wahren Kennzeichen geistlicher Kraft √ľbrigens, sind praktisch vor unseren Augen die Gebote Gottes bald eines nach dem anderen demontiert und zum Teil in ihr genaues Gegenteil verkehrt worden.

Fazit: Dank 40 Jahre charismatischer Infiltration k√∂nnte in fast jeder Kirche wie Freikirche die Magd mit dem Wahrsagegeist (Apg. 16,16) als ¬Ąbegnadete¬ď Prophetin angestellt werden.

- Alexander Seibel

Anmerkungen:

1. Wolfram Kopfermann, Charismatische Gemeinde-Erneuerung. Eine Zwischenbilanz, Charisma und Kirche Heft 7/8, 1983, S. 32.

2. Arnold Bittlinger, ...und sie beten in anderen Sprachen. Charismatische Bewegung und Glossolalie, Charisma und Kirche Heft 2, S. 5.

3. Spirituality in Interfaith Dialogue, edited by Tosh Arai and   Wesley Ariarajah, Genf, World Council of Churches Publications, 1989, S. 96-100.

4. Arnold Bittlinger, Integrating Other Religious Traditions into Western Christianity, S. 96-97

5. Arnold Bittlinger, ibid., Seite 98-100.

6. David Spangler, New Age - die Geburt eines Neuen Zeitalters,   Fischer Verlag, Frankfurt, 1978.

7. BTS, "Mich selbst erfahren - den eigenen Körper erfahren",  Sept. 1983.

8. idea Schweiz, Nr. 14/87, S. 3.

9. Seibel Alexander, Die sanfte Verf√ľhrung der Gemeinde, Telos

10.  Peter Wagner und der fromme Spiritismus, Licht + Leben, 10/89, S. 231-231.


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